Brigitte Gutwerk: "Die erste Begegnung und Bearbeitung von Stein ergab sich während meines Magister Studiums 1982–1992 an der Johann-Wolfgang-Goethe Universität in Frankfurt am Institut für Kunstpädagogik in der Hauptklasse Plastik und Design bei Prof. Dr. Wolf Spemann.

1993 eröffnete ich mein erstes eigenes Bildhauer - Atelier mit festem Kursprogramm in Offenbach. Gleichzeitig arbeitete ich als Dozentin an der Jugendkunstschule, der Volkshochschule und gestalte seitdem viele Fortbildungen für Erzieherinnen in- und außerhalb der Einrichtungen. Ab 1995, dann Beginn des Betongroßfigurenbaus im öffentlichen Raum, das später unter Kinder-Kunst-Baustelle bekannt wird. Gerade mit der Kinder-Kunst-Baustelle wollte ich Kindern dazu verhelfen, in kooperativer, kollektiver Zusammenarbeit die Vorgehensweise eines Bildhauers zu erschließen: durch eigenes Tun vom Entwurf, bis zur endgültigen Form. Im Umgang mit unterschiedlichen Werkstoffen (Ton, Stahl, Draht, Beton, Mosaik und Farbgestaltung) und den Umgang mit verschiedenen Werkzeugen und Maschinen konnten sie sich erproben. Gleichzeitig konnten sie erleben, wie sich ihre eigenen Ideen in einem gemeinsam geschaffenem Werk widerspiegeln und zugleich ihre Lebensumwelt prägen.

Die Kinder und Jugendlichen entwickelten und erschließen sich im eigenen Tun nicht nur die Welt, sondern entwickeln auch mehr Selbstbewusstsein, Kreativität, ein größeres ästhetisches Gespür. Im gemeinsamen zielorientierten Handeln werden so zugleich auch gruppendynamische Prozesse gefördert. Durch das Aufstellen ihrer Arbeiten in der Stadt identifizieren sich die Kinder und Jugendlichen auch stärker mit ihr und fühlen sich zugleich ernst genommen, als bedeutender Teil der Gesellschaft. Die bevorzugte Materialwahl des Stahlbetonbaus lässt hier viel Spielraum für selbst ungewöhnliche Formergebnisse zu.

Unweit meines damaligen Bildhauer - Ateliers im Offenbacher Dreieichpark stehen  die ersten am 2. Juli 1879 anlässlich der Landesgewerbeschau erstellten Zeugnisse moderner Betonbautechnik, die mich neben Arbeiten von Niki de Saint Phalle zu der Umsetzung der Kinder-Kunst-Baustelle inspirierten.

Seit 2001 arbeite ich als Kunstpädagogin an der Wingertschule, Fachschule für Sozialpädagogik in Friedberg, die sich seit 2008 nach Angliederung und Zusammenschluss mit der Kaufmännischen Berufsschule in Bad Nauheim, BSG Berufliche Schulen am Gradierwerk nennt. In der Abteilung Sozialwesen unterrichte ich Kunst, Gestalten und Theaterpädagogik. Hierbei möglichst viele Erfahrungsfelder zu eröffnen, ist für mich eine Herzensangelegenheit. Ich bin von der Möglichkeit beseelt, meinen Schülern und Studierenden Zugänge zur Kunst zu eröffnen. Es ist ein großes Glück sie dabei zu begleiten, bestärken zu können und zu erleben wie sie sich selbst dabei ihren ganz eigenen Zugang erschließen. Kunst setzt sich vom Alltag ab, sie setzt schließlich Prozesse in Gang. Wenn sie sich selbst in positiver Weise hierbei entfalten können, sich dabei selbst etwas zutrauen und eine eigene Idee umsetzen, erleben sie diese Kraft, die Kunst frei setzt und letztlich bewirken kann. Mir war es immer wichtig meinen eigenen künstlerischen Weg weiterzugehen. Denn wenn man in der Lehre authentisch sein will, muss es schließlich in einem brennen, was man entzünden möchte.

Schon während der Zeit meines Studiums entstanden die ersten Skulpturen aus Steatit und Alabaster. Aufenthalte in Italien, Carrara und Azzano folgten und die ersten größeren Marmorskulpturen entstanden. Seitdem kehre ich immer wieder zum Stein als mein künstlerisches Ausdrucksmittel zurück. Er hat für mich etwas faszinierendes und fordert zugleich meine schöpferischen Kräfte heraus. Der Stein ist Träger uralter Energien, die vor Millionen von Jahren entstanden sind und die mich in irgendeiner Weise erden, aufladen und gleichzeitig inspirieren, so ist es bis heute geblieben.

Die Methode des „taille directe“, bei der die Formen in der direkten Bearbeitung des Steins prozesshaft entstehen, entspricht mir besonders. Die Inspiration durch die Form des Steins führt mich von konkreten, ungegenständlichen Formen auch immer wieder hin zu naturalistischen Darstellungen. Sie alle sind in irgendeiner Weise visionäre Erfindungen von den Zuständen unseres Seins in der Welt. Skulpturen zu schaffen, ist für mich eine Form körperhaften Denkens. Im künstlerischen Tun kann ich Neues schaffen und Lösungen dreidimensional ins sichtbare Körperhafte entwickeln. Indem ich seinen Charakter, dass was der Stein mitbringt und mir zeigt, wahrnehme, entwickelt sich der erste Gestaltungsprozess. Die Bilder produzieren sich in mir.

Das heißt auch, immer wieder passende neue Impulse zu setzen, die den Stein zu seiner Form führen, gleichermaßen verdichten sich hierbei sowohl Form und Inhalt. Ich bin stets herausgefordert, Entscheidungen zu treffen. Die Fertigstellung einer Arbeit begreife ich als einen lebendigen Prozess, bei dem sich inhaltliche und formale Aspekte verdichten und annähern. Abenteuerlich ist das „Entblättern“ Schicht für Schicht. Teils weich und schmeichelnd, teils hart wie Granit und zerbrechlich, werde ich immer wieder ermahnt, den organischen Charakter des Steins in die Gestaltung mit einzubeziehen. Beeinflusst durch die traditionelle Bildhauerkunst, arbeite ich überwiegend mit klassischen Materialien wie Steatit, Marmor, Alabaster, Serpentingesteine, Springstone, Gips, Steinguss und Beton.

Besonders in den letzten Jahren konzentriert sich die Thematik der entstandenen Arbeiten um das Thema „Mensch und sein Verhältnis zur Natur“.

Die Auseinandersetzung um die Entfremdung des Menschen von der Natur, die kennzeichnend für unsere heutige zerbrechliche Welt ist und dem Wunsch und der Hoffnung entsprang, dass sich die Menschen wieder als ein, in die natürlichen Prozesse integriertes Wesen verstehen sollten, das denkend, wollend, fühlend und handelnd ein partnerschaftliches Verhältnis zur Natur und zu seiner Mitwelt entwickelt. Dies zeigt sich in den meisten meiner Arbeiten.
Ich bin Mensch, also auch Natur! Dieses scheint im Bewusstsein nicht mehr verankert zu sein. Deshalb hoffe ich darauf, im Kleinen einen Prozess ins Bewusstsein zu rufen, der uns im besten Fall zu einem besseren Menschen macht. Kunst ist  Bewegung, sie bringt auch immer wieder aufs Neue Bewegung in unser eigenes Leben.
Meine Arbeiten entspringen direkt dem Lebensprozess und sie versuchen Antworten auf diesen zu geben. Leben ist das sich Hineinstellen in Gegensätze. Wir positionieren uns ständig zwischen den Gegensätzen von Ich und Du – Ich und Welt. Kunst ist für mich das Wachwerden für diese Gegensätze und zugleich in diesen Gegensätzen. Meine Arbeiten verstehe ich als eine Art Metamorphose, die Hoffnung zulässt.

Schließlich besitzen wir, anders wie andere Lebewesen auf dieser Erde, z.B. Tiere, so etwas wie eine Vorstellungs-, Einbildungs-, und Bilderschaffungskraft!

Kunst macht uns freier, sie gibt uns Antrieb und erlaubt uns, uns selbst aus den gewohnten Denkweisen herauszulösen.

In der Hoffnung, einen Prozess in Gang zu setzen und dass so irgendetwas in die Gesellschaft hineinwirkt, beschließe ich meinen Gedankengang."

Brigitte Gutwerk, Februar 2016

„So wie das Wasser
den Felsen umspült
verläuft die Zeit in Schleifen.“
Denis Thériault „Siebzehn Silben Ewigkeit“


Blick in die Ausstellung "Zeitschleifen" im Haus der Satdtgeschichte in Offenbach mit dem Künstler Johannes Kriesche, 2016